Wegzeitberechnung beim Wandern:
Eine Orientierungshilfe
Die präzise Einschätzung der Gehzeit ist beim Wandern in den Bergen von entscheidender Bedeutung für die Tourenplanung und die Sicherheit. Eine weit verbreitete und praxiserprobte Methode zur Wegzeitberechnung basiert auf der Berücksichtigung von Höhendifferenz und horizontaler Wegstrecke. Im Folgenden wird diese Methode detailliert erläutert und ihre Anwendbarkeit in verschiedenen Alpenregionen beleuchtet.
Die Basisformel und ihre Anwendung (nach der AV-Faustregel)
Die Berechnungsmethode, oft auch als „AV-Faustregel“ bezeichnet, ist in Österreich, Deutschland und der Schweiz weit verbreitet und hat sich in der Praxis bewährt. Auch in Südtirol wird sie häufig angewendet. Sie geht davon aus, dass sowohl Höhenmeter als auch horizontale Distanz zeitliche Faktoren sind, die nicht einfach addiert, sondern gewichtet werden.
Beispielrechnung für zwei Erwachsene in guter körperlicher Verfassung
- Feststellen der zurückzulegenden Höhenmeter (HM): Beispiel: 900 HM
- Feststellen der horizontalen Distanz (km): Beispiel: 12 km
- Annahme: Zwei Erwachsene in guter körperlicher Verfassung. Wir rechnen mit einer Aufstiegsgeschwindigkeit von 450 HM/h und einer horizontalen Gehgeschwindigkeit von 5 km/h. Diese Werte sind gute Durchschnittswerte für geübte Wanderer.
- Vertikalwert berechnen: 900 HM / 450 HM/h = 2 Stunden
- Horizontalwert berechnen: 12 km / 5 km/h = 2,4 Stunden
- Den kleineren der beiden Werte halbieren: In diesem Fall ist der Vertikalwert (2 Stunden) kleiner. 2 Stunden / 2 = 1 Stunde
- Den größeren Wert und den halbierten kleineren Wert addieren: 2,4 Stunden + 1 Stunde = 3,4 Stunden
Die voraussichtliche Aufstiegszeit für diesen Gipfelanstieg beträgt somit 3,4 Stunden.
Abstiegszeitberechnung
Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, geht oft nicht den selben Weg hinunter. Dann wenden wir auch hier die Formel an: Verdopple die HM/h und erhöhe den km/h Wert auf 7 km/h.
- Vertikalwert berechnen: 900 HM / 900 HM/h = 1 Stunden
- Horizontalwert berechnen: 12 km / 7 km/h = 1,7 Stunden
- Den kleineren der beiden Werte halbieren: In diesem Fall ist der Vertikalwert (1 Stunden) kleiner.
1 Stunde / 2 = 0,5 Stunden - Den größeren Wert und den halbierten kleineren Wert addieren: 1,7 Stunden + 0,5 Stunden = 2,2 Stunden
Die voraussichtliche Abstiegszeit beträgt somit 2,2 Stunden.
Alternative: Die vereinfachte Berechnungsweise ist einfach den Wert für die Aufstiegszeit zu halbieren.
Gesamtzeit inklusive Pausen
Um eine realistische Gesamtzeit zu erhalten, sollten Pausen eingeplant werden. Nehmen wir 30 Minuten Gipfelrast an: 3,4 Stunden (Aufstieg) + 0,5 Stunden (Gipfelrast) + 2,2 Stunden (Abstieg) = 6,1 Stunden Gesamtzeit.
Praxisnahe Rundung
Öffi-Wandererinnen und Wanderer müssen klarerweise immer von Haltestelle zu Haltestelle planen. Daher macht es Sinn den errechneten Wert zu runden. In unserem Fall ist es wahrscheinlich ok auf 6 Stunden Gesamtzeit abzurunden.
Vorsicht für Öffi-Wander:innen
Natürlich ist die Berechnung für alle Wandersleute die selbe – unabhängig von der Wahl des Transportmittels.
Für Öffi-Wanderinnen und Öffi-Wanderer ist aber der Weg von der Haltestelle zum Wanderparkplatz (und retour) zusätzlich zu bedenken und einzuberechnen. Auch Pufferzeiten werden abhängig von der Anzahl der Rückfahrmöglichkeiten unterschiedlich großzügig anzuwenden sein.
Bestimmung der individuellen Richtwerte (HM/h und km/h)
Die Kernfrage bei dieser Methode ist die Bestimmung der persönlichen oder gruppenbezogenen Richtwerte für Höhenmeter pro Stunde und Kilometer pro Stunde. Hier greift man auf Erfahrungswerte zurück: eigene und die von anderen.
- Gruppen ab 5 Personen: Mit 300 HM/h und 3 km/h lässt sich die Gehzeit für größere Gruppen, bei denen das Tempo oft langsamer ist und mehr Abstimmung erfordert, recht gut berechnen. Kurze Zwischenpausen sind hier in der Regel schon einkalkuliert, längere Rastzeiten jedoch nicht.
- Kinder: Auch für Kinder sind 300 HM/h und 3 km/h gute Ausgangswerte. Wenn sie jedoch sehr geübt sind (z.B. nach einem Wander- oder Sportcamp), können sie teilweise erstaunlich schnell sein und sogar Erwachsene überholen.
- Mittlere Werte für geübte Erwachsene: Ein Bereich von 400-500 HM/h und 4-5 km/h ist realistisch für die meisten normal geübten Wanderer.
- Sehr schnelle Wanderer: Es gibt durchaus Wanderer, die 700 HM/h oder mehr schaffen. Dies ist jedoch die Ausnahme und sollte nicht als allgemeiner Richtwert herangezogen werden.
- Gelände- und Witterungsabhängigkeit: Die Werte müssen an die jeweiligen Bedingungen angepasst werden:
- Schneeschuhtouren: Generell ist man hier langsamer, 300 HM/h ist ein guter Richtwert. Auch die horizontale Geschwindigkeit ist geringer.
- Skiabfahrten: Sind logischerweise deutlich schneller als ein normaler Abstieg zu Fuß.
- Klettersteige: Können die Geschwindigkeit stark reduzieren, da hier nicht nur die reine Gehzeit, sondern auch Kletterpassagen und Wartezeiten eine Rolle spielen.
- Anspruchsvolles Terrain: Geröllfelder, ausgesetzte Grate oder steile, unwegsame Pfade verringern die Geschwindigkeit erheblich.
- Wetterbedingungen: Regen, Schnee, Wind oder Hitze können die Gehzeit ebenfalls stark beeinflussen.
- Individuelle Anpassung: Nach einigen Touren entwickelt man ein Gefühl dafür, welche Werte die eigene Realität am besten abbilden. Die eigenen Erfahrungen sind hier am wertvollsten.
Zusammenfassend
Im Zweifel, oder wenn man unsicher ist, sind 300 HM/h und 3 km/h gute, eher konservative Ausgangswerte für die Wegzeitberechnung. Es ist immer besser, etwas mehr Zeit einzuplanen, als in Zeitnot zu geraten.
Die hier beschriebene Methode zur Wegzeitberechnung, ist in allen genannten Regionen (Österreich, Deutschland, Schweiz, Südtirol) die am weitesten verbreitete und anerkannte Methode. Es gibt keine grundlegend anderen „Methoden“, die sich etabliert hätten. Die Unterschiede liegen in der Feinjustierung der Basiswerte (HM/h und km/h) und der Berücksichtigung von zusätzlichen Faktoren wie Terrain und Gruppendynamik, die sich dann ebenfalls in den Basiswerten widerspiegeln.
Generell gilt natürlich immer, dass unvorhergesehene Ereignisse wie Wetterumschwünge, Orientierungsprobleme, Ermüdung oder kleine Verletzungen die tatsächliche Gehzeit verlängern können. Eine realistische Selbsteinschätzung und eine Pufferzeit sind daher immer empfehlenswert.
