Ein Nationalpark mit Schienen –
fünf Fragen an Andi Hollinger
Der Nationalpark Gesäuse ist ein Reich aus wildem Wasser und steilem Fels. Hier türmen sich die Ostalpen noch einmal kräftig auf und bilden Höhenunterschiede von bis zu 1800 Metern aus. Vom Ufer der Enns bis zu den Gipfeln der Hochtor-, Buchstein- und Reichensteingruppe schichten sich unterschiedlichste Lebensräume übereinander und bilden so eine Artenfülle, die herausragend ist. Im Gesäuse endeten einst die mächtigen Eiszeitgletscher und darum konnten sich in den eisfreien Bereichen viele Insekten- und Pflanzenarten entwickeln, die es weltweit nur kleinräumig (in den östlichen Kalkalpen) gibt. Das Gesäuse wird auch als Hotspot der endemischen Arten Österreichs bezeichnet. Am 26. Oktober 2002 – also zum Staatsfeiertag – wurde diese Schatzkammer als jüngster Nationalpark Österreichs unter Schutz gestellt.
Neben seiner eindrucksvollen Naturlandschaft, vielfältigen Fauna und Flora gibt es in diesem Nationalpark auch etwas ganz Besonderes: Eine Bahnlinie mitten durch. Was das bedeutet, habe ich Andreas Hollinger gefragt. Kennengelernt habe ich Andi auf einer gemeinsamen Wanderung auf die Haindlkarhütte. Sein Wissen und die Kunst, dieses gekonnt unter die Leute zu bringen, hat mich dazu ermutigt, ihn vor das virtuelle Mikrofon zu bitten.
Als sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Eisenbahnbau in der Habsburgermonarchie rasant entwickelte, galt das Ennstal lange als schwer zugänglicher Raum. Steile Felswände, das enge Tal und die unberechenbare Enns machten das Gesäuse zu einer der letzten großen topografischen Herausforderungen im Alpenraum.
Mit dem Bau der Kronprinz-Rudolf-Bahn wurde jedoch dieser vorher abgeschiedene Naturraum an das überregionale Verkehrsnetz angeschlossen – mit nachhaltigen Auswirkungen für Wirtschaft, Landschaft und Wahrnehmung des Tales.
Heute ist die Eisenbahnlinie immer noch sehr wichtig zum Abtransport des Eisenerzes vom nahe gelegenen Erzberg. Aus diesem Grund ist sie auch sehr gut gewartet und in Schuss gehalten. Für den Personenverkehr ergibt sich die einzigartige Chance, mitten durch einen Nationalpark zu fahren.
Diese Chance gilt es zu nutzen und attraktive Verbindungen – beispielsweise vom Bahnhof Wien West (Anm. d. Red. „Gesäuseexpress“) – zu schaffen, diese aber auch zu bewerben und auszulasten. Daran arbeitet die ÖBB, der Nationalpark Gesäuse hilft bei der Bewerbung dieser Verbindungen mit und so werden hoffentlich in den nächsten Jahren weitere Angebote geschaffen werden können. 
Ich arbeite seit 2003 im Fachbereich Kommunikation. Meine Aufgabe ist, alles was der Nationalpark so macht, in verständliche Worte zu fassen und breit unter die Leute zu bringen. Das können Naturschutzinhalte sein, Besucherlenkungsmaßnahmen, Ergebnisse aus der Forschung aber auch unsere naturkundlichen Besonderheiten.
Ein sehr breites Feld, dass sich vieler Werkzeuge bedient: von der klassischen Presseinfo über die sozialen Medien bis zu unserer wöchentlichen einstündigen Live-Radiosendung. (Das Nationalparkradio – jeden Mittwoch von 18 – 19 Uhr auf Radio Freequenns). Und manchmal darf ich auch eine Gruppe Journalistinnen und Journalisten im Gelände begleiten. Das sind dann auch für mich ganz besondere Tage!
Der Nationalpark Gesäuse ist ein international anerkanntes Schutzgebiet der Kategorie II laut IUCN (Weltnaturschutzunion). Das bedeutet, wir haben vier gleichrangige Aufgabenfelder:
Naturschutz
Forschung
Bildung
Erlebbarmachung
Klingt einfach, ist es aber nicht. Diese Aufgaben stehen teilweise gegenseitig im Widerspruch und bedürfen einer sehr guten Abstimmung. Letztlich ist ein Nationalpark eine am strengsten geschützte, für Menschen jedoch erlebbare Landschaft. Der Mensch ist hier ausdrücklich willkommen, soll sich aber auf die Rolle des Beobachters zurückziehen. Weder die Forschung noch die Bildungsarbeit, noch Besucherinnen und Besuchern dürfen der Natur Schaden zufügen! Forstwirtschaft und Trophäenjagd sind von der Fläche des Nationalparks verbannt.

Der Nationalpark Gesäuse ist eine Spielwiese für sportliche Wanderer und alpine Kletterer. Die Angebote des Nationalparks selbst gehen aber weit darüber hinaus. In den Talbereichen wurden mehrere Themenwege geschaffen, die nicht nur für Familien sehr attraktiv sind. Besondere Beherbergungsangebote gibt es in Gstatterboden. Der Campingplatz Forstgarten und die Nationalpark Gesäuse Lodge bieten die Möglichkeit, nicht nur mit den Öffis anzureisen, sondern gänzlich auf das eigene Auto zu verzichten. Von Gstatterboden aus sind die vier Schutzhütten des Nationalparks – Hesshütte, Haindlkarhütte, Ennstalerhütte und das Buchsteinhaus – fußläufig erreichbar.
Wer kurze Strecken in der Region bewältigen muss, beispielsweise um zum Ausgangspunkt zurück zu kehren, nutzt das Gesäuse-Sammeltaxi. (03613 21000 99)
Für gehbehinderte Menschen und Menschen mit anderwärtig besonderen Bedürfnissen gibt es ebenso eine Palette von Angeboten. Besonders attraktiv sind die mietbaren Zuggeräte für Rollstühle. (Swiss Tracs € 25,-/Tag). Damit sind viele Almen für jedermann erreichbar. Eine Begleitperson natürlich vorausgesetzt. Die Zuggeräte sind vor allen bei älteren Personen sehr beliebt, um mit der Familie größere Touren machen zu können.
Grundsätzlich ist das Gesäuse keine Destination für einen Tag. Wer die Abgeschiedenheit fernab großer Touristenströme mag, bleibt gerne länger. Die kleinstrukturierte Region mit all ihren Angeboten und Möglichkeiten bietet darüber hinaus zu jeder Jahreszeit besondere Erlebnisse. 
Wir schützen nur, was wir lieben und wir können nur lieben, was wir sehr gut kennen. Darum ist es wichtig, Besucherinnen und Besuchern vor allem die Möglichkeit zu intensiven Naturerlebnissen zu geben. Nach einer Gesäuse Wander- oder Klettertour kommt sehr oft Interesse für das eine oder andere Detail auf. Der Nationalpark kann solche Fragen beantworten. Theoretisches Wissen, ohne emotionale Verbindung zum Lebensraum, ist meiner Meinung nach aber wertlos. Es zählt immer das Gesamtbild. Ich habe hier viel erlebt, darum interessiere ich mich auch für Details am Wegesrand und mit der Zeit erfahre ich immer mehr Besonderheiten, die ich emotional verorten kann. Ein Gesamtbild entsteht und das geht weit über reines Wissen hinaus. 😊
Lieber Andi, das ist ein schönes Schlusswort – hab vielen Dank für die ausführliche Beantwortung unserer Fragen!
Fotonachweis: Titelbild – Stefan Leitner, Bahnlinie im Nationalpark – Stefan Leitner, Im Weidendom – Stefan Leitner, „Pfiat di Andi!“ – Peter Backé, Swiss Tracs – Andi Hollinger, Am Tamischbachturm – Stefan Leitner
Gesäuseexpress
Thomas S. hat in seinem Blogbeitrag „Fahrplan-News!“ zusammengefasst, was es unter anderem für tolle Verbindungen aus Wien ins Gesäuse gibt:
An Samstagen, Sonntagen und Feiertagen gibt es nun drei statt zwei CJX Direktverbindungen ab Wien Westbahnhof nach Selzthal via Gesäuse. Die Abendverbindung retour nach Wien verkehrt nun rund eine Stunde später. Durch die Abfahrt nach 18 Uhr bei den Gesäusebahnhöfen (Admont, Johnsbach, Gstatterboden, Hieflau) bleibt nun mehr Zeit für längere Wanderungen. Die Intercity Spätverbindung (IC1115) um ca. 19:30 ab dem Gesäuse nach Wien Westbahnhof verkehrt nun nicht nur sonntags, sondern auch freitags – neue direkte Bahnverbindung vom Gesäuse nach Wien an Freitagen!